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Reden von Andrej Hunko im Europarat

Andrej Hunko im Europarat über die Rolle der Pharmaindustrie

Redebeitrag von Andrej Hunko in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in der Debatte am 29. September 2015.


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Andrej HUNKO, Deutschland, UEL/GUE
(Dok. 13869)

 

Vielen Dank, Herr Präsident!

Frau Berichterstatterin, ich möchte Ihnen zu diesem ausgesprochen guten und v.a. aktuell sehr wichtigen Bericht gratulieren. Wie wir gerade in der Debatte hörten, werden die Interessenskonflikte der Pharmaindustrie gegenwärtig auch im US-Präsidentschaftswahlkampf zu einem wichtigen Thema. Das ist sicherlich kein Zufall, denn wie der Kollege von der liberalen Fraktion vorhin sagte, wird ein Großteil der Medikamente dort hergestellt und der Einfluss ist dort wohl besonders groß.

Diese Versammlung hat im Jahre 2011 einen sehr wichtigen Bericht verabschiedet, nämlich den zur H1N1-Epidemie oder Schweinegrippe. Damals stellten wir fest, dass der Einfluss der Impfstoffindustrie dazu geführt hatte, dass in der WHO bestimmte Kriterien verändert wurden, wodurch die Staaten animiert wurden, den entsprechenden Impfstoff zu bestellen. Das ist eine ganz massive Einflussnahme auf die öffentliche Gesundheit, noch gravierender als die Frage der Preise von Medikamenten, da damit Erkrankungen oder Epidemien auch ein Stück weit fabriziert werden.

Ich möchte ausdrücklich den Grundansatz der Berichterstatterin hervorheben und unterstützen. In der Einführung ihres Memorandums sagt sie: „This moreover is the underlying philosophy of this report, which upholds the principle that in no circumstances should the private interests of the pharmaceutical industry interfere with public health interests.”  

Es geht hier nicht darum, mit dem Finger auf die Pharmaindustrie zu zeigen, sondern darum, dass wir als Abgeordnete die Verantwortung haben, in unseren Ländern die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass so etwas nicht passiert.

Vor einigen Tagen las ich das Buch „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität“ des dänischen Professors Gøtzsche, das letztes Jahr mit dem Preis der British Medical Association ausgezeichnet wurde. Die Anzahl der für die letzten Jahre aufgeführten Fallbeispiele ist besorgniserregend.

Um einen Bereich anzuführen: Die Psychiatrie ist gegenwärtig der größte Wachstumsmarkt in den USA. Dort sind Neuroleptika mittlerweile die meistverabreichten Medikamente, dabei ist die amerikanische Bevölkerung sicher nicht „verrückter“ als andere. Das hängt sicher auch mit den Interessen der Pharmaindustrie zusammen.

Wir alle kennen ADHS, das Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, dessen Diagnose sich in den letzten Jahren entwickelt hat und für das entsprechende Medikamente verschrieben werden. In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte Der „Vater“ dieses Syndroms, der amerikanische Kinderpsychiater Leon Eisenberg, im hohen Alter von 87 Jahren: „ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“.
Neben den anderen Fragen, die wir hier diskutiert haben – ob zu viel Geld an den Medikamenten verdient wird, ob zu viel für die Forschung veranschlagt wird - ist das m.E. eines der ganz großen Probleme, das wir angehen müssen.

Wie gesagt geht es dabei nicht darum, mit dem Finger zu zeigen, sondern die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass solche Phänomene nicht wieder auftreten. Immer dann, wenn solche Skandale bekannt werden, sagt die Pharmaindustrie, diese seien zwar tatsächlich erwiesen, aber eine Sache der Vergangenheit, da es jetzt Mechanismen gebe, die solche Probleme beheben.
Wie die Berichterstatterin zu Recht feststellte, sind das jedoch interne Regulationsmechanismen, und auf interne Mechanismen können wir m.E. nicht bauen. Die Öffentlichkeit muss hier auf der Basis der Vorschläge von Frau Maury Pasquier entsprechend über die Gesetzgebung agieren.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

 

Quelle: http://www.assembly.coe.int/Sessions/German/2015/04/1509291000D.htm

Andrej Hunko, MdB 2017