Andrej Hunko aus Algiers, 3.3.2011

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Ein Tag Algerien liegt hinter mir und jetzt geht es schon weiter nach Casablanca, Marokko. Die Eindrücke sind notgedrungen oberflächlich.

Eine Stadtrundfahrt, ein Gespräch mit Vertretern der christlichen Minderheit in der Residenz des Botschafters und die Lektüre der Tageszeitungen, das war's.

Auf den ersten Blick ist nicht viel von den Bewegungen in den anderen arabischen Ländern zu spüren, allerdings sieht man überall in Algiers ein massives Polizeiaufgebot, darunter auch Wasserwerfer. Vor wenigen Tagen ist der seit fast zwei Jahrzehnten währende Ausnahmezustand aufgehoben worden, allerdings bestehen die Beschränkungen der Versammlungsfreiheit weiter.

Erstaunlich offen und interessant berichtet die französischsprachige Tagespresse (El Watan). Kein Vergleich mit Tunesien unter Ben Ali.

Ich stelle beim Gespräch in der Residenz des Dt Botschafters die Frage nach dem Charakter der neuen Bewegungen. Der Botschafter und der Bischof bestätigen meine Einschätzung, dass es sich nicht um islamistische Bewegungen handelt, sondern, dass die Jugend sehr weltlich orientiert ist. Allerdings seien sie schlecht organisiert, so dass am Ende die Islamisten obsiegen würden.

Fragen bleiben für mich bei den linken Parteien: Die Front des Forces Sozialistes (FFS, Symbol der dt Jusos) lehnte die Beteiligung an den Parlamentswahlen ab, da das algerische Parlament nichts zu sagen hätte. In der Bewegung haben sie wohl keine Rolle gespielt. Die 'trotzkistische' Arbeiterpartei ist im Parlament vertreten, sie spielt laut Aussage des deutschen Botschafters aber die Rolle einer Pseudoopposition.

Allgemein geteilt wurde die Einschätzung, dass die Bevölkerung aufgrund des furchtbaren Bürgerkriegs in den 90er Jahren mit ca 200.000 Toten revolutionsmüde sei.

Die Strategie der dt Außenpolitik ist wie fast überall, richtige Forderungen nach Demokratisierung mit Forderungen nach Privatisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung zu verbinden. Linke Politik muss hingegen demokratische Freiheiten mit demokratischer Kontrolle über die Ressourcen und die Wirtschaft verbinden.

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